Geringe emotionale Bindung – Die Deutschen mögen ihre Chefs nicht

13.09.2023 | Fachbeiträge

Gerald Wood interpretiert die neueste Gallup-Engagement-Studie

Jahr für Jahr veröffentlicht das renommierte Markt- und Meinungsforschungsunternehmen die Ergebnisse der mittlerweile viel zitierten und bekannten „Gallup-Engagement-Studie[1]”. Die Ergebnisse aus der letzten Erhebung in Deutschland sind ernüchternd: Nur dreizehn Prozent der Arbeitnehmer haben eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Job, ihrem Chef und ihrem Unternehmen. 69 Prozent haben eine geringe emotionale Bindung, leisten sozusagen „Dienst nach Vorschrift”, während fast jeder fünfte Mitarbeiter (18 Prozent) gar keine emotionale Bindung hat und sich demzufolge im Zustand der sogenannten inneren Kündigung befindet.

Damit erreicht Deutschland nur den 27. Platz von 38 europäischen Ländern. Das Gallup-Institut hat ausgerechnet, dass damit der deutschen Wirtschaft volkswirtschaftliche Kosten zwischen 118,1 und 151,1 Milliarden Euro[2] entstehen.

Schlechte Nachrichten für die deutsche Wirtschaft

Schon im Januar veröffentlichte das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) seine Studie zum Wirtschafsstandort-Ranking[3] unter Familienunternehmen, wonach die Bundesrepublik nur den 18. Platz unter den 21 Industrieländern belegt. Der Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, Rainer Kirchdörfer, kritisiert: „Der Industriestandort Deutschland hat dramatisch an Qualität verloren.”

Im März wurde der hessische Wärmepumpenhersteller Viessmann an den US-Konzern Carrier Global verkauft, und die Sorge, wie es mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland weiter gehen würde, wuchs. Lars Feld, Professor für Wirtschaftspolitik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, erklärte damals live im ZDF, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland für Unternehmen zuletzt immer unattraktiver geworden sei.

Im Juli meldete dann der Onlinedienst Telepolis, dass sich der Kapitalabfluss aus Deutschland auf Rekordniveau befinde und zitierte dabei eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die Kapitalflucht nehme inzwischen besorgniserregende Ausmaße an. Der Standort Deutschland werde unattraktiv.

Und schließlich meldete sich der Unternehmer, Startup-Investor und TV-Löwe Carsten Maschmeyer mit folgendem Post auf LinkedIn, dem größten Wirtschaftsnetzwerk der Welt, zu Wort: „Made in Germany gibt es bald nicht mehr!“

Schrumpfende Wirtschaft, fehlende Innovationskraft

Der aktuellen IWF-Prognose zufolge wird Deutschland das einzige große Industrieland sein, dessen Wirtschaft 2023 schrumpft. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Ein Giftcocktail aus Digitalisierungsstau, Innovationsschwäche, hohen Energiekosten und Arbeitskräftemangel. Längst fehlen Deutschland nicht mehr nur Fachkräfte. Es fehlen Arbeitskräfte – im Service, in der Dienstleistung, in der Pflege, in der Produktion.

Es wird also höchste Zeit, dass die Ampel-Regierung aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und eine Standortpolitik verfolgt, die Deutschlands Wirtschaft stärkt: Schluss macht mit Klein-Klein-Regulierungen. Jetzt gilt es: Innovationskraft fördern, Energiepreise runter, Bürokratie abbauen.
Kurz gesagt: Die Politik muss endlich anfangen, sich auf die Kernprobleme des Landes zu fokussieren, statt sich mit Orchideenthemen aufzuhalten.
Dass unsere Politik bis heute den Eindruck erweckt, das Internet sei Neuland und neue Technologien seien eine vorübergehende Modeerscheinung, rächt sich jetzt und findet Ausdruck in den oben genannten Zahlen.

Die USA machen es besser

Der Blick in die USA zeigt, wie es auch hierzulande hätte funktionieren können – und müssen. Die Bilanz der letzten 15 Jahre dort: Die US-Wirtschaft wuchs um 76 Prozent auf 25,5 Billionen Dollar, angetrieben vom Silicon Valley. Die deutsche Wirtschaft wuchs stattdessen nur um magere 19 Prozent auf 4,1 Billionen Dollar. Hier besteht also großer Nachhol- und vor allem Handlungsbedarf.

Wenn man auf die Entwicklung des Gallup-Engagement-Indexes seit 2001 blickt, muss man die Hoffnung von Carsten Maschmeyer leider dämpfen und seine Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten. Jahr für Jahr kamen deutsche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht über die 20-Prozent-Marke für hohe emotionale Bindung zum Job, zum Chef und zum Unternehmen hinaus.

150 Euro Milliarden Euro Verlust durch fehlende emotionale Bindung
Darunter leidet – wie eingangs erwähnt – die Produktivität von Unternehmen sehr. Rund 150 Milliarden Euro gehen der deutschen Volkswirtschaft jährlich verloren. Mit Veränderungen in der Unternehmens- und Führungskultur in Deutschland könnte man eine Produktivitätssteigerung in Höhe des gesamten Bundeshaushaltes erreichen.
Deutschland hat eine Führungs- und Kulturkrise Doch wie hängen die Ergebnisse von Gallup, dem ZEW, des IWF und der Befund von Carsten Maschmeyer zusammen? Gallup misst die emotionale Bindung von Mitarbeitern in deutschen Unternehmen und stellt fest, dass diese seit zumindest zwei Jahrzehnten auf sehr niedrigem Niveau ist. Das kostet Unternehmen Produktivität, Profitabilität, Mitarbeiter und Kunden. Jahr für Jahr tut sich nicht viel in den Betrieben der Bundesrepublik in Bezug auf die Mitarbeiter- und Kundenbegeisterung. Das gesamtdeutsche Ergebnis von 13 Prozent (hoch emotional gebunden), 69 Prozent (gering emotional gebunden) und 18 Prozent (gar nicht emotional gebunden) ist ein Armutszeugnis für Arbeitgeber in diesem Land. Wenn man bedenkt, dass diese Ergebnisse letztendlich die Durchschnittswerte darstellen, heißt dies auch, dass es Unternehmen gibt, die noch weitaus schlechtere Quoten und somit noch weniger emotional gebundene Mitarbeiter haben. Wer als Partner, Kunde oder Bewerber an ein solches Unternehmen gerät, wird die volle Katastrophe des Standortes Deutschland am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Nicht nur die Politik muss handeln

Die Unternehmens- und Führungskultur ist der Hauptgrund für mangelnde emotionale Bindung in deutschen Unternehmen. Das stellen sowohl Gallup als auch andere namhafte Unternehmensberatungen in Studien und Befragungen immer wieder fest.
Viele Experten machen die Bürokratie, hohe Energiekosten, das Hochsteuersystem, staatliche Regulierung und andere Faktoren verantwortlich für die deutsche Misere. Das sind auch wichtige Faktoren. Aber: Diese sind nur ein Teil der Wahrheit. Denn: Wer fragt denn nach der Bürokratie, die in den Unternehmen selbst stattfindet? Oder nach der Angst- und Fehlerkultur, die noch weit verbreitet ist? Oder nach Kontroll-Freaks, die wenig Vertrauen in ihre Mitarbeiter haben? Was ist mit Führung und interner Innovationsbereitschaft? In all diesen Punkten gehört Deutschland ebenso zu den Ländern in der Welt, das am schlechtesten abschneiden – und dies seit zwei Jahrzehnten. Es sind nicht nur die Metadaten des Wirtschaftsstandortrankings, die Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausstellen, es sind auch die Unternehmen selbst. Nicht nur die Politik muss handeln, auch das Management deutscher Unternehmen. Leadership muss neu gedacht und vor allem neu gemacht werden.

Trendwende ist möglich

Wenn in deutschen Unternehmen nicht eine Trendwende bei der Mitarbeiterführung von der Entdeckung bis hin zur Förderung individueller Talente im Unternehmen und in der Unternehmenskultur vollzogen wird, dann wird es auch mit dem Wirtschaftsstandort nichts mehr. Dabei liegen Mitarbeiterführung und die Schaffung einer positiven Leistungskultur fest in der eigenen Hand der Unternehmensführung. Die Unternehmen könnten selbst gestalten.
Sie müssen nicht nur auf externe Einflüsse verweisen, könnten stattdessen selbst eine Wende zum Besseren einleiten. Es bedarf eines Paradigmenwechsels in den eigenen Köpfen. Was dieser bewirken könnte, zeigen die Studien ebenfalls: 10 Prozent mehr Kundenbindung, 21 Prozent mehr Produktivität, 22 Prozent mehr Gewinn – im Durchschnitt.

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